Verstehen Aktualisiert: Juni 2026 · ca. 8 Min.

Selen und Keshan-Krankheit (Hintergrund)

Selen und Keshan-Krankheit (Hintergrund) ist die wissenschaftlich gut belegte Verbindung zwischen einem schweren Selenmangel und einer Herzmuskelerkrankung …

Lebensmittel mit selen
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Selen und Keshan-Krankheit (Hintergrund) ist die wissenschaftlich gut belegte Verbindung zwischen einem schweren Selenmangel und einer Herzmuskelerkrankung (Kardiomyopathie), die erstmals in der chinesischen Region Keshan beschrieben wurde. Sie gilt als klassischer Beleg dafür, dass Selen ein essenzielles Spurenelement für die menschliche Gesundheit ist.

KennzahlAngabeQuelle
Betroffenes OrganHerzmuskel (Kardiomyopathie)Rayman (2000)
HauptursacheSchwerer alimentärer SelenmangelRayman (2012)
Geografischer UrsprungSelenarme Bodenzonen (u. a. Keshan, China)Fairweather-Tait et al. (2011)
Biochemische Funktion von SelenBestandteil von Selenoproteinen (Antioxidation)Papp et al. (2007)
Mitwirkender KofaktorVermutlich virale Komponente (Coxsackievirus)Rayman (2012)

Was ist die Keshan-Krankheit?

Die Keshan-Krankheit ist eine endemische Herzmuskelerkrankung (Kardiomyopathie), die durch einen schweren Selenmangel begünstigt wird. Sie wurde nach dem Landkreis Keshan in der nordostchinesischen Provinz Heilongjiang benannt, wo sie in der Mitte des 20. Jahrhunderts gehäuft auftrat. Betroffen waren vor allem Kinder und Frauen im gebärfähigen Alter in ländlichen Gebieten mit extrem selenarmen Böden.

Charakteristisch sind eine Vergrößerung und Funktionsschwäche des Herzmuskels, die zu Herzrhythmusstörungen, Herzversagen und in schweren Fällen zum Tod führen können. Laut Rayman (2000) lieferte die Keshan-Krankheit einen der ersten überzeugenden Belege dafür, dass Selen für den Menschen ein lebensnotwendiges Spurenelement ist, da die Häufigkeit nach Selensupplementierung in den betroffenen Regionen deutlich zurückging.

Wie hängt Selen mit der Keshan-Krankheit zusammen?

Selen ist der entscheidende ernährungsbedingte Faktor, dessen Mangel die Keshan-Krankheit ermöglicht. Das Spurenelement ist Bestandteil sogenannter Selenoproteine, die als Enzyme antioxidative Schutzfunktionen im Körper übernehmen. Fehlt Selen, können diese Schutzsysteme nicht ausreichend gebildet werden, und Gewebe wie der Herzmuskel werden anfälliger für oxidative Schädigungen.

Laut Papp et al. (2007) werden über 25 Selenoproteine beim Menschen gebildet, darunter die Glutathionperoxidasen, die reaktive Sauerstoffspezies neutralisieren. Ein Mangel an Selen reduziert die Aktivität dieser Enzyme und schwächt damit die zelluläre Abwehr gegen oxidativen Stress. Im Herzmuskel kann dies zu fortschreitenden Zellschäden beitragen, die sich klinisch als Kardiomyopathie manifestieren.

Wichtig ist die Einordnung: Selenmangel ist eine notwendige, aber wahrscheinlich nicht alleinige Ursache. Laut Rayman (2012) deuten epidemiologische Beobachtungen darauf hin, dass zusätzlich ein virales Geschehen – diskutiert wird insbesondere das Coxsackievirus – beteiligt sein könnte. Der Selenmangel scheint demnach die Anfälligkeit für eine virusbedingte Herzmuskelschädigung zu erhöhen.

Warum tritt die Krankheit in bestimmten Regionen auf?

Die Keshan-Krankheit ist geografisch an Gebiete mit sehr niedrigem Selengehalt im Boden gebunden. Der Selengehalt von Pflanzen – und damit der Nahrung von Mensch und Tier – hängt direkt von der Verfügbarkeit des Spurenelements im Boden ab. In ausgedehnten Zonen Chinas, die sich von Nordost nach Südwest erstrecken, sind die Böden selenarm, sodass die lokal angebaute Nahrung kaum Selen liefert.

Laut White und Broadley (2009) ist Selen weltweit eines von mehreren Mineralelementen, die in menschlichen Ernährungsweisen häufig fehlen, weil die Böden in vielen Regionen unzureichend mit ihnen versorgt sind. Die Selenzufuhr der Bevölkerung spiegelt daher stark die geologischen Gegebenheiten wider. In den betroffenen chinesischen Gebieten lag die tägliche Selenaufnahme historisch weit unter den Werten, die für eine ausreichende Selenoprotein-Synthese erforderlich sind.

Diese enge Kopplung von Bodenselen, Nahrungsselen und Krankheitshäufigkeit macht die Keshan-Krankheit zu einem Lehrbeispiel dafür, wie geochemische Bedingungen die menschliche Gesundheit beeinflussen können.

Wie wurde die Keshan-Krankheit kontrolliert?

Die Keshan-Krankheit konnte in den betroffenen Regionen durch Selensupplementierung weitgehend zurückgedrängt werden. Nachdem der Zusammenhang zwischen Selenmangel und der Erkrankung erkannt worden war, wurden in den endemischen Gebieten Programme zur Selenzufuhr eingeführt, etwa über selenhaltige Tabletten oder die Anreicherung von Nahrungsmitteln.

Laut Rayman (2000) sank die Krankheitshäufigkeit nach Einführung der Selenversorgung deutlich, was den ursächlichen Beitrag des Selenmangels stützt. Dieser Erfolg war ein zentrales Argument dafür, Selen offiziell als essenzielles Spurenelement für den Menschen anzuerkennen. Gleichzeitig zeigte der nicht vollständige Rückgang aller Fälle, dass weitere Faktoren – etwa Infektionen oder saisonale Schwankungen – eine Rolle spielen.

Aus Public-Health-Sicht verdeutlicht das Beispiel, dass die Korrektur eines einzelnen Nährstoffmangels in einer Risikopopulation erhebliche gesundheitliche Wirkung entfalten kann, wenn dieser Mangel der limitierende Faktor ist.

Welche Rolle spielt Selen für die allgemeine Gesundheit?

Selen ist ein essenzielles Spurenelement, das über Selenoproteine an zahlreichen Körperfunktionen beteiligt ist, weit über den Herzmuskel hinaus. Zu den wichtigsten Funktionen zählen der Schutz vor oxidativem Stress, die Beteiligung am Schilddrüsenhormon-Stoffwechsel und die Unterstützung des Immunsystems.

  • Antioxidative Abwehr: Glutathionperoxidasen neutralisieren reaktive Sauerstoffspezies (Papp et al., 2007).
  • Schilddrüsenstoffwechsel: Selenabhängige Enzyme (Dejodasen) regulieren die Aktivierung von Schilddrüsenhormonen.
  • Immunfunktion: Eine ausreichende Selenversorgung wird mit einer normalen Immunantwort in Verbindung gebracht (Rayman, 2012).

Laut Fairweather-Tait et al. (2011) ist die Beziehung zwischen Selenstatus und Gesundheit komplex und folgt häufig einer U-förmigen Kurve: Sowohl ein Mangel als auch ein Überschuss können nachteilig sein. Während der Zusammenhang zwischen schwerem Mangel und Erkrankungen wie der Keshan-Krankheit gut belegt ist, sind die Effekte einer zusätzlichen Selenzufuhr bei bereits ausreichend versorgten Menschen weniger eindeutig.

Wie viel Selen braucht der Mensch?

Der menschliche Selenbedarf ist vergleichsweise gering, aber für die Synthese funktionsfähiger Selenoproteine unverzichtbar. Die zur Aufrechterhaltung einer optimalen Enzymaktivität nötige Zufuhr liegt im Mikrogramm-Bereich pro Tag, wobei genaue Referenzwerte zwischen Ländern und Fachgesellschaften variieren.

Laut Fairweather-Tait et al. (2011) ist die Festlegung optimaler Zufuhrmengen anspruchsvoll, weil verschiedene Selenoproteine bei unterschiedlichen Versorgungsstufen ihre maximale Aktivität erreichen. In den Keshan-Regionen lag die Aufnahme historisch deutlich unter dem Bedarf, während in selenreichen Gebieten sehr hohe Aufnahmen mit Toxizitätserscheinungen (Selenose) auftreten können.

Für die Praxis bedeutet dies: Die Selenversorgung sollte weder zu niedrig noch zu hoch sein. Eine ausgewogene Ernährung deckt in selenreichen Regionen den Bedarf in der Regel ab; eine unkontrollierte Hochdosis-Supplementierung ist nicht ohne Risiko.

Welche Lebensmittel liefern Selen?

Der Selengehalt von Lebensmitteln hängt stark von ihrer Herkunft und dem Selengehalt der Böden ab. Zu den typischerweise selenreicheren Lebensmittelgruppen zählen:

  • Paranüsse – je nach Anbaugebiet sehr selenreich
  • Fisch und Meeresfrüchte
  • Fleisch und Innereien
  • Eier
  • Getreideprodukte – stark abhängig vom Bodenselen der Anbauregion

Laut White und Broadley (2009) wird die Biofortifikation von Nutzpflanzen – also die gezielte Anreicherung mit Mineralstoffen wie Selen – als Strategie diskutiert, um die Versorgung in Regionen mit selenarmen Böden zu verbessern. Da der Selengehalt pflanzlicher Lebensmittel direkt vom Anbauboden abhängt, kann derselbe Lebensmitteltyp je nach Herkunft sehr unterschiedliche Mengen enthalten.

Wie sicher ist eine Selenzufuhr?

Selen hat ein vergleichsweise enges Sicherheitsfenster zwischen ausreichender Zufuhr und potenziell schädlicher Überdosierung. Ein Zuviel kann zu einer Selenvergiftung (Selenose) führen, die sich unter anderem durch Haarausfall, Nagelveränderungen, gastrointestinale Beschwerden und Nervenstörungen äußern kann.

Laut Rayman (2012) ist die Dosis-Wirkungs-Beziehung von Selen nicht linear: Innerhalb eines bestimmten Bereichs ist die Versorgung optimal, darunter drohen Mangelerscheinungen, darüber Toxizität. Laut Fairweather-Tait et al. (2011) erschwert diese U-förmige Beziehung allgemeine Empfehlungen zur Supplementierung, insbesondere bei bereits gut versorgten Personen. Eine Supplementierung ist daher vor allem dann sinnvoll, wenn ein nachgewiesener Mangel oder ein erhöhtes Risiko besteht – idealerweise nach ärztlicher Abklärung.

Was ist heute gesichert und was bleibt offen?

Gesichert ist, dass ein schwerer Selenmangel die Keshan-Krankheit begünstigt und dass eine Selensupplementierung die Krankheitshäufigkeit in den endemischen Gebieten senkt. Diese kausale Verbindung gehört zu den am besten belegten Beispielen für die Essenzialität von Selen beim Menschen (Rayman, 2000).

Weniger eindeutig ist die genaue Rolle zusätzlicher Faktoren. Laut Rayman (2012) wird ein Zusammenspiel von Selenmangel und viraler Infektion diskutiert, wodurch der Selenmangel die Anfälligkeit erhöht, ohne alleinige Ursache zu sein. Ebenfalls offen bleibt, welche optimalen Selenzufuhrmengen für verschiedene Gesundheitsendpunkte jenseits der Mangelvermeidung gelten – hier ist die Studienlage uneinheitlich und teils vorläufig.

Eine seriöse Einordnung unterscheidet daher klar zwischen dem gut belegten Nutzen der Mangelbehebung in Risikopopulationen und überzogenen, oft als Hype verbreiteten Versprechen einer pauschalen Hochdosis-Supplementierung bei bereits ausreichend versorgten Menschen.

Häufige Fragen

Ist die Keshan-Krankheit allein durch Selenmangel verursacht?

Selenmangel ist die zentrale ernährungsbedingte Ursache, aber wahrscheinlich nicht der einzige Faktor. Laut Rayman (2012) wird ein Zusammenwirken mit einer viralen Infektion, insbesondere dem Coxsackievirus, diskutiert. Der Selenmangel erhöht demnach die Anfälligkeit des Herzmuskels, während weitere Auslöser den Krankheitsverlauf mitbestimmen können.

Warum gilt die Keshan-Krankheit als Beleg für die Essenzialität von Selen?

Weil die Erkrankung in selenarmen Regionen auftrat und nach gezielter Selensupplementierung deutlich zurückging. Laut Rayman (2000) lieferte dieser Zusammenhang einen der überzeugendsten Belege dafür, dass Selen ein lebensnotwendiges Spurenelement für den Menschen ist und seine Versorgung gesundheitliche Bedeutung hat.

Kann die Keshan-Krankheit heute noch auftreten?

Durch Selensupplementierungsprogramme wurde die Krankheit in den betroffenen Regionen weitgehend kontrolliert. Theoretisch bleibt ein Risiko in Gebieten mit extrem selenarmen Böden und einseitiger lokaler Ernährung bestehen. In Regionen mit ausreichender Selenversorgung über die Nahrung spielt die klassische endemische Form heute praktisch keine Rolle mehr.

Schützt eine hohe Selenzufuhr generell vor Herzerkrankungen?

Nein, das lässt sich aus der Keshan-Krankheit nicht ableiten. Der Nutzen betrifft die Behebung eines schweren Mangels. Laut Fairweather-Tait et al. (2011) ist die Beziehung U-förmig, sodass zusätzliche Zufuhr bei bereits gut versorgten Menschen keinen klaren Vorteil bringt und im Übermaß sogar schaden kann.

Wie erkennt man einen Selenmangel?

Ein Selenmangel zeigt sich nicht durch eindeutige Frühsymptome, sondern wird über Blutwerte oder die Aktivität selenabhängiger Enzyme erfasst. Risikofaktoren sind eine einseitige Ernährung und die Herkunft aus selenarmen Regionen. Eine sichere Beurteilung des Selenstatus sollte ärztlich erfolgen, da Symptome unspezifisch und vielfältig sein können.

Welche Bedeutung hat der Boden für die Selenversorgung?

Der Boden ist entscheidend, weil Pflanzen Selen aus ihm aufnehmen und so in die Nahrungskette gelangen lassen. Laut White und Broadley (2009) fehlt Selen in vielen Böden weltweit, weshalb die Versorgung regional stark schwankt. Biofortifikation gilt als möglicher Ansatz, die Selenaufnahme in unterversorgten Gebieten zu verbessern.

Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Es werden keine Heilversprechen gegeben. Bei Verdacht auf einen Selenmangel, vor einer Supplementierung oder bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt beziehungsweise an qualifiziertes medizinisches Fachpersonal.

Wissenschaftliche Quellen

Ausgewählte begutachtete Übersichtsarbeiten zu diesem Thema:

Quellen über Europe PMC ermittelt. Bitte Originalarbeiten konsultieren.

📊 Infografik: Die selen-reichsten Lebensmittel Top-10-Diagramm, Tagesbedarf nach Alter & Geschlecht und Portionstipps